Ignaz Auer und Erhard Auer – Zwei große Sozialdemokraten

Veröffentlicht am 01.08.2015 in Historisches

Ignaz Auer

Besuch bei Wolfgang Scherm, Enkel von Ignaz Auer

(Von Günther Biegert und Bodo Rudolf)

Theodor Heuss, erster Präsident der Bundesrepublik Deutschland, schrieb: Die Stunden verbrachte ich damit, (…) den Kopf eines Mannes zu studieren, der, erst Mitte der Fünfzig, mit einem falben Schütterbart viel älter wirkte und ein Stück von einem Patriarchen und ein Stück von einem resignierten Skeptiker an sich hatte. Das war Ignaz Auer. (…) Daß er, frühe leidend, bereits 1907 starb, ist vielleicht – ich sage mit Bedacht: vielleicht – für die sozialistische Bewegung der schwerste Verlust gewesen. (Theodor Heuss, Jugenderinnerungen, Tübingen, 1953)

Wer war Ignaz Auer?

Geboren am 19. April 1846 in Dommelstadl bei Passau in ärmlichsten Verhältnissen. Hirtenjunge, kurzer Besuch der Volksschule, dann Lehre als Sattler, gefolgt von Wanderjahren. Ab 1874 Sekretär des Parteiausschusses in Hamburg. Agitationsarbeit für die SDAP (Sozialdemokratische Arbeiterpartei). Verschiedene wichtige Funktionen in der Parteiorganisation, insbesondere in der Zeit der Sozialistengesetze. 1877 erstmals in den Reichstag gewählt, mit Unterbrüchen dort bis 1906. 1887 gemeinsam mit August Bebel und Wilhelm Liebknecht in der Kommission zur Ausarbeitung eines neuen Parteiprogrammes. Ignaz Auer kränkelte zeitlebens und verstarb am 10. April 1907, neun Tage vor seinem 61. Geburtstag.

 

Besuch bei Wolfgang Scherm in Oberzell

Der Enkel von Ignaz Auer – Wolfgang Scherm – lebt heute 86-jährig in Oberzell bei Ravensburg. Wir, die „alten“ Genossen Günther Biegert und Bodo Rudolf, wollen ihn besuchen. Auf die Spur gebracht hat uns Peter Ederer, allen Ravensburgern bestens bekannt als rühriger Ausländerbeauftragter der Stadt, der seinerseits den Hinweis von Holger Hübner bekam, seines Zeichens Stellvertretender Vorsitzender der Historischen Kommission der Berliner SPD. Hübner bekleidet außerdem das Amt des Vorsitzenden „Förderkreis Erinnerungsstätte der deutschen Arbeiterbewegung Berlin-Friedrichsfelde e.V.“

Die Gelegenheit, dem Nachkommen des bedeutenden, heute aber fast vergessenen Ur-Sozialdemokraten begegnen zu dürfen, können wir uns nicht entgehen lassen. Günther ruft ihn an, Wolfgang Scherm freut sich über unser Interesse, wir sind herzlich willkommen. Vor dem Besuch lesen wir uns ein – die üblichen Geschichtsquellen – und stoßen auf ein zweites, ebenfalls politisch herausragendes Familienmitglied der Auers, auf Erhard Auer, den Neffen von Ignaz. Von ihm weiter unten.

 

Zunächst zu unserem Gastgeber: Wolfgang Scherm, Nachfahre der Auers, ist Schwabe, geboren 1929 in Degerloch, Verwaltungsfachmann, nach Aufenthalt in den USA und weiteren beruflichen Stationen wird er 1967 Geschäftsführer der Innungskrankenkasse IKK in Ravensburg, seit 1994 ist er im Ruhestand. Scherm ist verwitwet, hat zwei Töchter und zwei Enkel. Wir löchern ihn mit Fragen, dazu sind wir ja nach Oberzell gekommen. Persönlich hat er seinen Großvater Ignaz natürlich nicht mehr gekannt, der starb lange vor seiner Geburt. Aber seine Mutter Emmy Scherm, geb. Auer, (*1896, †1974), hat viel über ihren Vater erzählt und ihre Erinnerungen an frühe Begegnungen mit August Bebel (*1840, †1913) und andere überlieferte Anekdoten zu Papier gebracht – posthum großen Dank und Anerkennung. Ein kurzer Auszug findet sich am Ende des Artikels. Auf dem Scherm‘schen Terrassentisch stapeln sich mehr und mehr Akten, Alben und Fotokopien.

 

Ignaz Auer in Dokumenten

Wir greifen zu einem rostroten Heftchen „Von Gotha bis Wyden“ von Ignaz Auer. Verlag der Socialistischen Monatshefte, Berlin, 1901. Preis 20 Pfennig. „Vortrag gehalten zu Berlin am 30. Mai 1900“. (Nachtrag zu „Wyden“ am Ende des Artikels.)

Ein Geschichtsdokument, dessen Studium dem Leser drastisch vor Augen führt, unter welch erbärmlichen Umständen große Teile der Arbeiterschaft in der „guten alten Zeit“ leben mussten.

Über die 1870er Jahre schreibt Ignaz Auer: Der Notstand in der Industrie war infolge der blutigen Gründungen im Anfang der siebziger Jahre so arg, daß nach irgend einer Richtung baldigst etwas geschehen musste. (Seite 9) (…) Wenn die Kartoffeln in einem Hause fehlen, so bettelt die Familie bei den besser situierten Nachbarn um die Kartoffelschalen, um sie zu kochen und zu verzehren. (S 10)

Spannend seine Schilderung des Bismarck‘schen Sozialistengesetzes (Oktober 1878) – Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie, wie es hieß. (Später „Sozialistengesetze“)

Ignaz Auer: Nun kam das Socialistengesetz und damit der Zusammenbruch unserer Organisation und die Vernichtung unserer Preßorgane. (S 14)

Auer wurde aus Berlin ausgewiesen, später aus Hamburg, war Korrespondent des illegalen Zentralorganes „Der Sozialdemokrat“ und wurde im August 1886 im Freiberger Geheimbundprozess zu neun Monaten Gefängnis verurteilt, die er in Zwickau absaß.

Gedenkstätte in Friedrichsfelde

Ein Zeitungsausschnitt (Neues Deutschland, 28. Mai 1988) aus dem Fundus von Wolfgang Scherm zeigt ein Foto mit Hans-Jochen Vogel vor der Gedenkstätte.

Textpassage: Berlin (ADN). Eine Abordnung der SPD unter Leitung von Dr. Hans-Jochen Vogel, Vorsitzender der SPD und der sozialdemokratischen Bundestagsfraktion, ehrte aus Anlass des 125. Jahrestags der Gründung der SPD am Freitag in Berlin das Andenken ehemaliger führender Sozialdemokraten. In der Gedenkstätte der Sozialisten in Berlin-Friedrichsfelde, wo sich die letzten Ruhestätten von Ignaz Auer, Hugo Haase, Hermann Müller-Franken und Paul Singer befinden, legten Hans-Jochen Vogel, Anke Fuchs, (…), Heidemarie Wieczorek-Zeul, (…) und Walter Momper (…) Kränze nieder.

Ein weiteres undatiertes Foto zeigt die Enthüllungsfeier des Auer-Denkmals auf dem Zentralfriedhof zu Friedrichsfelde bei Berlin. (Untertitel)

 

Wolfgang Scherm hat vor langer Zeit das Ehrengrab seines Großvaters in Friedrichsfelde besucht und fand den Zustand der Gedenkstätte, freundlich gesagt, der Bedeutung von Ignaz Auer nicht angemessen. Eine Beschwerde bei der SPD – siehe da, das Grab wurde in Ordnung gebracht. Wer nach Friedrichsfelde kommt, möge es besuchen und schauen, ob es Ignaz Auer und der Sozialdemokratie noch Ehre macht.

Erhard Auer

Wolfgang Scherm drückt uns ein Buch neueren Datums in die Hand: „Erhard Auer, Wegbereiter der parlamentarischen Demokratie in Bayern“, Markus Schmalzl, Verlag Michael Laßleben, 2013

Erhard Auer (*1874, †1945), Neffe von Ignaz Auer war von großer Bedeutung für die Demokratie in Deutschland und insbesondere in Bayern. 1907 erstmals als SPD-Abgeordneter in den bayrischen Landtag gewählt, rückte er gegen Ende des Ersten Weltkriegs an die Spitze der bayrischen Sozialdemokratie. In der Revolutionsregierung unter Ministerpräsident Kurt Eisner (USPD) übernahm er das Amt des Innenministers. Erhard Auer wurde im Landtagsgebäude von einem Linksradikalen attackiert, schwer verwundet und so um die Chance gebracht, erster SPD-Ministerpräsident im republikanischen Bayern zu werden. Auch als langjähriger Landtagsvizepräsident von 1920 bis 1933 führte er einen entschlossenen Kampf gegen die extreme Linke und Rechte. Von den Nationalsozialisten verfolgt, wurde er im Zusammenhang mit dem 20. Juli 1944 erneut verhaftet und ins KZ Dachau eingeliefert. Der Schwerkranke verstarb am 20. März 1945 während einer Verlegung nach Giengen a. d. Brenz.

Für jeden, der sich mit dieser Epoche der deutsch-bayerischen Geschichte beschäftigen möchte, eine spannende Lektüre.

Wer literarisch in die turbulenten Wochen der Münchner oder Bayerischen Räterepublik eintauchen will: Oskar Maria Graf – „Wir sind Gefangene / Ein Bekenntnis“, dtv.

Seite 384 f: (…) Eisner sprach in der Schwabinger Brauerei als Kandidat der Unabhängigen und griff seinen Gegenkandidaten von den Sozialdemokraten, Erhard Auer, heftig an. (…) „Und wer seine Stimme jenen Bewilligern der Kriegskredite gibt, (…) – wer das Auerlicht wählt, der bestätigt dieses Verbrechen als rechtmäßig!“

„Nieder mit den Verrätern!“ schrie es von allen Seiten.

„Hinter Schloss und Riegel mit Auer!“ folgte darauf.

„Hoch die USDP!“ schloss es.

So Oskar Maria Graf. Man war nicht zimperlich mit den „Brüdern“ aus dem linken Lager – eine Tragödie.

 

Auch Wolfgang Scherms Großvater väterlicherseits soll hier nicht vergessen werden. Er war Gewerkschaftssekretär und aktiv in der SPD tätig (†1940). Eine beeindruckende Ahnenreihe.

August Bebel

Lassen wir zum Ende unseres Besuches Wolfgang Scherms Mutter, Emmy Scherm, geb. Auer, mit einer freundlichen Anekdote aus ihrem erwähnten Bericht über August Bebel zu Wort kommen. Wir begleiten August Bebel, Ignaz Auer und Richard Fischer (ebenfalls Reichstagsabgeordneter) bei einer Wanderung durch den Bayerischen Wald:

Bebel war ein äusserst ehrgeiziger Mann, schreibt Emmy Scherm, er wollte im Vordergrund stehen und wollte glänzen. Anfangs der Neunziger Jahre, die Invalidenversicherung war kurz zuvor in Kraft getreten), (…) machten beide in der Gesellschaft Richard Fischers eine Fusswanderung durch den Bayrischen Wald. Auch Fischer war Bayer und gerne sprachen die Männer mit den Waldarbeitern (…). Mein Vater, dem der Dialekt keine Schwierigkeiten machte, es war ja die Sprache seiner Kindheit, fragte nach woher und wohin, nach Arbeitszeit und Arbeitslohn und wo der Schuh am meisten drückte. Einmal waren sie im Gespräch mit einem Alten, der seine Ausführungen schloss: „Wer kümmert sich schon um die alten und armen Leut!“

Nun mischte sich Bebel in das Gespräch. Nun, so sei es heute nicht mehr, heute gebe es Männer genug, die für den kleinen Mann eintreten würden, aber freilich, so weit ab in der Waldeinsamkeit, da hätten sie wohl noch nichts davon gehört!

Oh, sagte der Alte jetzt schlau, so sei es nicht, auch sie würden sich darum kümmern, wie es draussen in der Welt zugehe, und einen würde auch er kennen, der sich der armen Leute angenommen hätte.

Jetzt horchte Bebel hoch auf: „Und wie heisst der Mann?“

Darauf der Alte: „Bismarck.“

Wir danken Wolfgang Scherm an dieser Stelle nochmals für das Gespräch und die Unterlagen, die er uns zur Verfügung stellte. Wir wünschen ihm alles Gute und vor allem Gesundheit.

Ravensburg/Wolfegg im Juli 2015/ Günther Biegert und Bodo Rudolf

 

 

 

 

Quellen und Zitate:

„Die Deutsche Arbeiterbewegung 1848-1919 in Augenzeugenberichten“, dtv.

Wikipedia, Freie Enzyklopädie

Bericht „August Bebel“ von Emmy Scherm, geb. Auer

„Von Gotha bis Wyden“, Ignaz Auer, Verlag der Socialistischen Monatshefte, Berlin 1901

Pressearchiv der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands/Parteivorstand

Oskar Maria Graf – „Wir sind Gefangene / Ein Bekenntnis“, dtv

Dokumente und Unterlagen, Privatarchiv Wolfgang Scherm, Oberzell

Holger Hübner hat uns einen weiteren, von Emmy Scherm maschinengeschriebenen Text überlassen: „Ignaz Auer – Kinderjahre“, des Weiteren zwei Fotos vom Grabdenkmal Ignaz Auers.

 

Hinweise für historisch Interessierte:

www.sozialistenfriedhof.de

Zu August Bebel: Bebel hielt sich 1869 in Ravensburg auf. Anstoß zur Gründung der dortigen SPD.

Zu „Wyden“, das wohl nicht so bekannt ist: Es handelt sich um Schloss Wyden bei Zürich. Dort fand in der Verbotszeit vom 20. - 23. August 1880 der 1. Parteikongress der SAP statt.

 

Quellenangabe Fotos

Zwei Fotos zeigen das Grabdenkmal Ignaz Auers (Holger Hübner, SPD LV Berlin)

Gemälde Ignaz Auer, Privatbesitz Wolfgang Scherm (B. Rudolf)

Wolfgang Scherm auf der Terrasse seines Hauses am 8. Juli 2015 (B. Rudolf)

 

 

 

 

 

Postskriptum

Holger Hübner, wie erwähnt, Stellvertretender Vorsitzender der Historischen Kommission der Berliner SPD und Vorsitzender des „Förderkreises Erinnerungsstätte der deutschen Arbeiterbewegung Berlin-Friedrichsfelde e.V.“ schickt dem Roten Turm hierzu folgenden Gruß:

Durch ein zufälliges Zusammentreffen ergab sich die Möglichkeit, die Ravensburger SPD mit einem dort lebenden Enkel von Ignaz Auer in Kontakt zu bringen. Ignaz Auer wird heute den meisten nichts mehr sagen, aber er war doch einer der ganz Großen in der Frühzeit der deutschen Arbeiterbewegung, quasi ihr – wie man heute sagen würde – erster Generalsekretär. Und ein begnadeter Organisator dazu. Seine Wohnung in der Berliner Katzbachstraße 9 – das Haus steht noch – war bis 1900 zugleich das Parteibüro. Dort wurde u.a. Rosa Luxemburg aufgenommen.

Auer, aus ärmlichsten Verhältnissen in Niederbayern kommend, war beseelt davon, zu lernen und sich zu bilden. Bildung für alle Volksschichten war auch eine der wichtigsten Forderungen der Sozialdemokratie. Auer starb relativ jung. Sein Wunsch war es, in unmittelbarer Nähe von Wilhelm Liebknecht beigesetzt zu werden. Dies wurde erfüllt. Heute sind beider Grabdenkmäler in der Gedenkstätte der Sozialisten in Berlin-Friedrichsfelde zu finden.

Ich freue mich, dass Ignaz Auer nun durch den Roten Turm wieder ein wenig aus der allgemeinen Vergessenheit geholt wird. Er hat es verdient.

Holger Hübner

 
 

Kommentare

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Ignaz Auer

Eine sehr schöne Würdigung dieses bedeutenden deutschen Sozialisten. Herzlichen Dank den Autoren.

Autor: Peter Didszun, Datum: 19.08.2015