Neues aus der Fraktion

Gleiche Chancen für alle

Seit dem Sommer diskutiert Ravensburg über die Frage, ob sich die Trommlergruppen beim Rutenfest für Mädchen öffnen müssen und ob ein Ausschluss Diskriminierung ist. Demnächst beschäftigen sich der Schülerrat und der Gesamtelternbeirat mit dem Thema. Die Schwäbische Zeitung hat dazu die Fraktionsvorsitzenden um ihre Haltung zu diesem Thema gebeten. Auch in der SPD wird diese Frage durchaus kontrovers diskutiert. SPD-Fraktionschefin Heike Engelhardt fordert gleiche Chancen für alle.

Hier die Antwort unserer SPD-Fraktionsvorsitzenden Heike Engelhardt im vollen Wortlaut:

Gleiche Chancen für alle - dafür steht die SPD seit ihrer Gründung vor mehr als 150 Jahren. Alle Schüler*innen beim Rutenfest gleichberechtigt zu behandeln sollte 100 Jahre nach Einführung des Frauenwahlrechts selbstverständlich sein.

Das heißt, dass auch Mädchen das Recht haben müssen, bei den Trommlergruppen mitmachen zu dürfen. Dass ihnen dies bislang verwehrt ist, ist als Diskriminierung ihres Geschlechtes wegen zu betrachten und mit dem Grundgesetz Artikel 3 nicht zu vereinbaren.

Was von Seiten der Schule organisiert wird, ist eine schulische Veranstaltung. Warum sonst sind die Teilnehmenden über die Schule versichert? Bislang werden die Trommlergruppen über die Schulen organisiert, Rektoren nehmen sich heraus, Kriterien festzulegen, nach denen die Kandidierenden ausgewählt werden dürfen. Die Teilnahme am Festzug ist beispielsweise für die Grundschüler*innen verpflichtend. Diese Kooperation der Schulen mit der Rutenfestkommission im Sinne eines identitätsstiftenden Festes halte ich für bislang gelungen und in der Form auch wert weiterzuführen. Egal ob Schule oder Rutenfestkommission als Verein Veranstalterin sind: Diskriminierung verbietet sich – aus der Rechtsform der öffentlichen Schule heraus unbedingt. Ob ein Verein, der Fördermittel der Stadt in Anspruch nimmt, grundsätzlich einzelne Bevölkerungsschichten diskriminieren darf, muss doch sehr bezweifelt werden.

Dass die öffentliche Diskussion – nicht nur im Schülerrat und im Gesamtelternbeirat - jetzt angestoßen wird, halte ich für richtig und wichtig. Traditionen gelegentlich auf den Prüfstand zu stellen, Abläufe und Strukturen dem gesellschaftlichen Wandel und dem Bewusstsein der Zeit anzupassen, gefährden bestimmt nicht den Fortbestand – in dem Fall des Rutenfestes, noch wird das Abendland untergehen, wenn Mädchen gemeinsam mit Jungen trommeln. Das Leben besteht aus Vielfalt. Oder um es mit Madeleine Caruzzo – der ersten Frau, die im Jahr 1982 exakt 100 Jahre nach Gründung der Berliner Philharmoniker in diese musikalische Männerdomäne eindrang – zu sagen: „Warum sollte man den Frauen eine Ausdrucksform verwehren?“

 

Die Gesellschaft, das hat sich doch in der Vergangenheit immer wieder gezeigt, trägt den Wandel mit: Oberstköniginnen und –Fähnriche sind heute nicht mehr die Jahrgangsbesten sondern diejenigen Schüler*innen, die sich durch besonderes soziales Engagement hervorgetan haben. Trommler- und Musikgruppen oder Schießwettbewerbe sind im Laufe der Jahre hinzugekommen und haben das Bild des Rutenfestes vielfältiger gemacht. Wer wollte auf die Idee kommen, beispielsweise den Mehlsäcken ihre Teilnahme  zu verwehren, weil es sie nicht von Anbeginn des Rutenfestes gegeben hat?

 

Und nicht zuletzt: Den mutigen Schüler*innen, die die Initivative zu dieser Diskussion ergriffen haben und sich dafür üblen Anfeindungen und Beschimpfungen ausgesetzt sahen, gebührt Respekt und Anerkennung. Sie haben uns ein Lehrstück in Sachen Demokratie geliefert.